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Der demografische Wandel (4): Halberstadt

Demografiewoche

Im finalen Beitrag unserer vierteiligen Blogserie zur Woche der Demografie in Sachsen-Anhalt, wenden wir uns der 41.000 Einwohner zählenden Kreisstadt Halberstadt zu, die sich zunehmend mit den Folgen des demografischen Wandels auseinandersetzten muss. Wenngleich sowohl Tourismus als auch produzierende Wirtschaft dank des international bedeutenden Domschatzes sowie einer Vielzahl erfolgreicher Mittelstandsbetriebe (vor allem aus den Bereichen Maschinenbau und Medizintechnik) durchaus florieren, sinkt doch die Einwohnerzahl beständig. So hat Halberstadt zwischen 2003 und 2013 mehr als 3.100 Einwohner verloren, was einem relativen Bevölkerungsrückgang von 6,9% entspricht. Diese stark negative Entwicklung schließt bereits die 2010 erfolgte Eingemeindung von fünf neuen Ortsteilen mit rund 4.700 Einwohnern mit ein (Eingemeindungen kaschieren die wirkliche Dynamik der demografischen Entwicklung in vielen Regionen Sachsen-Anhalts). Bis zum Jahr 2030 wird derzeit (ausgehend vom Basisjahr 2009) mit einem weiteren Rückgang um 18,6% gerechnet, womit Halberstadt in der Demografie-Klassifizierung der Bertelsmann-Stiftung als Kommune des Typs 9 (stark schrumpfend mit hohem Anpassungsdruck) eingestuft wird.

Kommunen dieser Demografie-Klasse finden sich ausschließlich in den neuen Bundesländern. Sie zeichnen sich neben einem starken Bevölkerungsrückgang durch tendenziell kleine Haushaltsgrößen, die verstärkte Abwanderung junger Menschen sowie eine eher problematische kommunale Haushaltslage aus. Diese Kommunen müssen sich in den kommenden Jahren auf tiefgreifende sozioökonomische Verwerfungen sowie auf eine weitere Verschlechterung der eigenen Haushaltssituation vorbereiten [vgl. Bertelsmann 2012, S. 7ff.].

Die Dynamik der demografischen Entwicklung zeigt sich in Halberstadt insbesondere am Altenquotienten. Während im Jahr 2013 auf jeweils 100 Einwohnerinnen und Einwohner im Alter zwischen 20 und 64 Jahren noch 42 Einwohnerinnen und Einwohner mit einem Alter oberhalb von 64 Jahren kamen, werden es im Jahr 2030 bereits 70 Vertreterinnen und Vertreter dieser Altersgruppe sein. Der Anteil der Hochaltrigen an der Einwohnerschaft wird sich im gleichen Zeitraum von 6,2% auf 10,6% nahezu verdoppeln. Diese Entwicklung führt bereits heute zu Problemen bei der Abdeckung des Pflegebedarfs sowie bei der Verfügbarkeit von Fachkräften, wobei vor allem bei regionalen Pflegedienstleistern eine zunehmende Überalterung der in der Pflege tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkennbar ist. So berichteten im Rahmen der AG-Sitzungen während der ersten InnovaKomm-Phase gleich mehrere Halberstädter Pflegeanbieter, dass für die Neubesetzung von Stellen bereits Zeiten von vier bis sechs Monaten eingeplant werden müssten.

AltenquotientHistorisch betrachtet hat die Bevölkerungszahl Halberstadts bereits mehrere größere Schwankungen erlebt. Lebten kurz vor dem Zweiten Weltkrieg noch rund 54.000 Menschen in Halberstadt, nahm die Einwohnerschaft seit Kriegsende leicht und seit Ende der 1980er Jahre deutlich ab. Nach der Wende setzte auch hier der bereits im zweiten Teil dieser Blogserie beschriebene „demografische Schock“ ein, der zu einem durchschnittlichen Bevölkerungsrückgang um 400 Personen jährlich und einem erheblichen Einbruch der Geburtenrate führte: Kamen in Halberstadt im Jahr 1989 noch 505 Kinder zur Welt, so waren es kurze Zeit später im Jahr 1992 nur noch 298 [vgl. Rimpler 2013, S. 15ff]. Das in den frühen 1990er Jahren erreichte, niedrige Geburtenniveau blieb seitdem praktisch unverändert – so wurden in 2013 327 Geburten, dafür aber 606 Todesfälle registriert. Durch Geburtenknick und Abwanderung gingen zwischen 1991 und 2011 insgesamt rund 4.800 Einwohnerinnen und Einwohner verloren.

Die Folgen des demografischen Wandels für Halberstadt lassen sich exemplarisch sehr gut an der Entwicklung der Ausbildungszahlen sowie des Wohnungsleerstands verdeutlichen. So ist beispielsweise die Zahl der Bewerber auf freie Ausbildungsplätze in Halberstadt zwischen den Jahren 2004 und 2013 um mehr als 50% zurückgegangen, was dazu geführt hat, dass in etlichen Branchen Ausbildungsplätze über mehrere Jahre in Folge unbesetzt blieben, da keine geeigneten Bewerber verfügbar waren. Mit Blick auf die Auswirkungen der erheblichen Bevölkerungsabnahme auf den Wohnungsleerstand ist festzustellen, dass dieser trotz des Rückbaus von mehr als 2.000 Wohneinheiten im Rahmen der Teilnahme Halberstadts am Stadtsanierungsprogramm (2002 bis 2006) lediglich von rund 16% im Jahr 2000 auf etwa 14% im Jahr 2011 reduziert werden konnte. Derzeit stehen in Halberstadt noch etwa 3.400 Wohneinheiten leer.

Vor diesem Hintergrund ist absehbar, dass die Möglichkeiten der professionellen Versorgung älterer Menschen in Halberstadt – insbesondere im stationären Bereich – in den kommenden Jahren an ihre Grenzen stoßen werden. Neben wachsenden Anforderungen und fehlendem Nachwuchs sorgt dabei auch die hohe Personalfluktuation für Probleme, die vor allem auf die körperlich schwere Arbeit, auf das besonders hohe Burnout-Risiko von Pflegekräften sowie auf deren wachsende Unzufriedenheit mit den eigenen Arbeitsbedingungen (insbesondere mit dem ständigen Zeitdruck sowie dem hohen Dokumentationsaufwand) zurückzuführen ist.

Auch der Druck auf die informelle Pflege durch Familienangehörige – die derzeit rund vier Millionen pflegenden Angehörigen gelten mit Recht als „Deutschlands größter Pflegedienst“ – nimmt mit der demografischen Entwicklung beständig zu. Insbesondere viele Doppelverdiener-Familien sehen sich zunehmend mit organisatorischen Problemen konfrontiert, da aufgrund dieser (für den Harzkreis und Sachsen-Anhalt jedoch recht typischen) Verdienststruktur die zeitlichen Ressourcen für die Pflege von Familienangehörigen stark eingeschränkt sind. Erschwert wird diese Situation zusätzlich durch die in der Region ebenfalls besonders hohen Pendlerquoten mit entsprechend langen Fahrtstrecken zwischen Arbeitsort und Wohnung. Familienverbünde, die durch den Wegzug von Kindern in wirtschaftlich attraktivere Regionen aufgebrochen werden, stehen für die informelle Pflege kaum bis gar nicht mehr zur Verfügung und erhöhen den Leistungsdruck auf die professionelle Pflege zusätzlich.

Die Verwaltung der Stadt Halberstadt ist sich dieser Situation seit langem bewusst und stellt sich seit der Entwicklung des städtischen Leitbildes im Jahr 2007, in dem unter anderem die Anpassung an die demografischen Erfordernisse sowie die barrierefreie Umgestaltung des öffentlichen Raumes als Ziele festgeschrieben werden, auf den Strukturwandel ein [vgl. Halberstadt 2007]. Das große Interesse von Verwaltung, Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft an der Lösung der mit dem demografischen Umbruch verbundenen Probleme sowie an der Nutzung entstehender Chancen manifestiert sich in einer Vielzahl städtischer Projekte, die von der BMBF-geförderten Senioren-Technik-Beratungsstelle über die Erarbeitung und schrittweise Umsetzung eines preisgekrönten Konzepts zur Schaffung von innerstädtischer Barrierefreiheit bis hin zur Entwicklung der Innovationsstrategie im Rahmen des InnovaKomm-Projektes reichen. Mit dieser Strategie – die übrigens am 30.04. beim Projektträger eingereicht wurde – hofft das Projektteam, einen Beitrag zum konstruktiven weiteren Umgang mit dem demografischen Wandel in und um Halberstadt leisten zu können.

Verwendete Quellen

[Bertelsmann 2012] Bertelsmann Stiftung (2012): Bertelsmann-Demografietyp 9: Stark schrumpfende Kommunen mit besonderem Anpassungsdruck. Unter Mitarbeit von Carsten Große Starmann und Petra Klug. Gütersloh.

[Halberstadt 2007] Stadt Halberstadt (2007): Zukunft gemeinsam gestalten – ein Leitbild für Halberstadt ins Jahr 2020. Halberstadt.

[Rimpler et al. 2013] Rimpler, Thomas; Ruprecht, Siegrun; Zerche, Ina; Kleinwächter, Martina (2013): Integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK) Stadt Halberstadt. Stadt Halberstadt. Halberstadt.

Der demografische Wandel (2): Sachsen-Anhalt

Demografiewoche

Aus einer Reihe von Gründen, die in diesem Blogpost nachfolgend noch näher betrachtet werden, sind die neuen Bundesländer im Vergleich mit den alten Bundesländern von den Auswirkungen des demografischen Wandels in wesentlich stärkerem Maße betroffen. Dabei ist die grundsätzliche Entwicklung – denn auch in den westdeutschen Bundesländern endete der Geburtenüberschuss bereits in den 1960er Jahren – in West wie Ost identisch, weshalb die derzeit in den neuen Bundesländern zu beobachtende Verschiebung der Altersstrukturen mit all ihren gesellschaftlichen Konsequenzen lediglich eine Entwicklung vorwegnimmt, welche den alten Bundesländern ebenfalls noch bevorsteht [vgl. Wilde 2011, S. 54]. Der Umstand, dass sich der demografische Wandel in einem Teil der Bundesrepublik mit höherer Geschwindigkeit vollzieht, wird im Kontext unseres SEVIP&V-Projekts als Chance für die Entwicklung übertragbarer Lösungsansätze begriffen, die zunächst in den neuen Bundesländern als den Pionierregionen der demografischen Anpassung erprobt werden, mittelfristig aber auch in anderen Landesteilen zum Einsatz gelangen können.

Die beschleunigte Entwicklung in den neuen Bundesländern ist insbesondere auf den sogenannten „demografischen Schock“ in den Jahren nach der Wiedervereinigung zurückzuführen. So kam es in der ersten Hälfte der 1990er Jahre nicht nur zu einem – vermutlich primär durch die neuen sozialen und politischen Unsicherheiten verursachten – historisch zu nennenden Geburtenknick [vgl. Grünheid und Ahmed 2013, S. 10], sondern auch zu einer verstärkten Abwanderung in die alten Bundesländer. Für die zu diesem Zeitpunkt in die Arbeitsfähigkeit hineinwachsenden Kinder der vergleichsweise geburtenstarken DDR-Jahrgänge der 1970er und 1980er Jahre, waren angesichts des mit der Wende einhergehenden erheblichen Arbeitsplatzabbaus in den neuen Ländern zu wenige Arbeitsmöglichkeiten verfügbar, so dass es zu einem massiven Wegzug kam. Insgesamt verloren die neuen Bundesländer in den Jahren zwischen 1991 und 2011 rund 1,1 Millionen ihrer 16,4 Millionen Einwohner bzw. 7% der Bevölkerung.

Da die jungen Frauen in den neuen Ländern in einem gesellschaftlichen Klima aufgewachsen waren, in welchem berufstätige Frauen und Mütter den Normalzustand darstellten, verlor der Osten im Zuge dieser arbeitsplatzgetriebenen Abwanderung überdurchschnittlich viele junge Frauen, deren Weggang den Geburtenknick nur noch verschärfen sollte [vgl. MLV 2013, S. 22]: Innerhalb weniger Jahre brach die Geburtenziffer in den neuen Ländern von 1,52 Kindern je Frau Ende der 1980er Jahre auf einen Tiefstand von 0,77 Kindern je Frau im Jahr 1994 ein [vgl. Maretzke 2011, S. 14]. Dieser Geburtenknick aus den 1990er Jahren wirkt sich nach wie vor stark auf die Demografie der neuen Bundesländer aus, da die in diesem Jahrzehnt nicht geborenen Frauen inzwischen selbst wieder im gebärfähigen Alter gewesen wären. Sollte es in den kommenden Jahrzehnten nicht doch noch zu einem massiven Zuzug kommen, wird sich die demografische Abwärtsspirale in Ostdeutschland daher – selbstverstärkend – weiter fortsetzen. Ein Trend, zu dem auch der durch eine Verminderung der Ressourcenknappheit im Gesundheitswesen beförderte Anstieg der Lebenserwartung von Seniorinnen und Senioren im Vergleich zur Ära der DDR beigetragen hat und nach wie vor beiträgt [vgl. Scholz 2011, S. 35].

Unter den fünf neuen Bundesländern ist wiederum Sachsen-Anhalt aufgrund einer fortdauernden wirtschaftlichen Wachstumsschwäche, einer besonders hohen Abwanderung jüngerer Menschen und fehlender zivilgesellschaftlicher Unterstützungsstrukturen in ganz besonderem Maße von den Folgen des demografischen Wandels betroffen [vgl. Dinel 2005, S. 7]. Neben Mecklenburg-Vorpommern ist es das älteste Bundesland Deutschlands [vgl. Köhler et al. 2014, S. 6]. Die Dynamik der Entwicklung in Sachsen-Anhalt zeigt sich insbesondere beim Blick auf die Abwanderung: Je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner wanderten in Sachsen-Anhalt zwischen 1990 und 2011 durchschnittlich 126 Personen in andere Bundesländer oder ins Ausland aus – in Sachsen waren es dagegen nur 67, in Berlin sogar lediglich 18, während in Hessen und Bayern im gleichen Zeitraum 25 bzw. 57 neue Einwohnerinnen und Einwohner je 1.000 Personen hinzukamen [vgl. Gründheid und Ahmed 2013, S. 47]. Verstärkend wirkt auch ein Phänomen, welches ebenfalls nur in den neuen Ländern auftritt: Der Rückzug von älteren und aus dem Berufsleben ausgeschiedenen Menschen aus der Wegzugswelle der 1990er Jahre in ihre alte Heimat [vgl. Haustein und Mischke 2011, S. 9].

Insgesamt hat Sachsen-Anhalt zwischen 1990 und 2011 einen ganz erheblichen Bevölkerungsverlust von 19,5% verkraften müssen, bis 2025 ist mit einem weiteren Rückgang um 18,6% (ausgehend vom Basisjahr 2008) zu rechnen. Der bereits im vorangegangenen Blogpost eingeführte Altenquotient (das Verhältnis von Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren zur Haupterwerbsgruppe zwischen 20 und 64 Jahren) wird sich im gleichen Zeitraum von 38,6% auf rund 57,9% erhöhen [vgl. Hübner et al. 2013, S. 2]. Prognosen des Statistischen Landesamtes lassen erkennen, dass das Land im Jahr 2023 wohl erstmalig weniger als 2 Millionen Einwohner haben wird – ein Rückgang um mehr als die Hälfte seit dem Bevölkerungshöchststand im Jahr 1946 (4,1 Millionen) und immerhin um gut eine Million seit der Wiedervereinigung und darauffolgenden Neugründung Sachsen-Anhalts mit 2,9 Millionen Einwohnern.

Wie bereits auf Bundesebene führt der demografische Wandel auch auf Ebene des Landes Sachsen-Anhalt zu einem überproportionalen Anstieg an Hochaltrigen und Pflegefällen, wobei die Dramatik der Entwicklung im Land deutlich größer ist: Von 2008 bis 2025 wird sich die Gruppe der Hochaltrigen um 184% vergrößern. Erwartungsgemäß wird damit auch die Anzahl der zu versorgenden Pflegefälle steigen: Von 81.000 Pflegebedürftigen im Jahr 2009 (von denen 87% bereits älter als 65 Jahre waren) auf rund 110.000 Pflegebedürftige im Jahr 2025 [vgl. MLV 2010, S. 73]. Es ist abzusehen, dass dieser Aufwuchs an Pflegefällen das in Teilen Sachsen-Anhalts bereits heute schon ausgelastete Pflegewesen mit den bestehenden Auszubildenden- und Fachkräftemängeln an seine Leistungsgrenzen bringen wird. Die Suche nach entsprechenden technischen Entlastungslösungen für professionell sowie auch für informell Pflegende ist daher eines der zentralen Themen der SEVIP&V-Innovationsstrategie.

Für Sachsen-Anhalt ist diese Entwicklung zwar einerseits mit zahlreichen Problemen verbunden, birgt aber andererseits auch Zukunftschancen. Zu diesen Problemen gehören neben dem eben erwähnten Druck auf die professionelle Pflege unter anderem der Fachkräftemangel, der Verlust an familiären Versorgungsstrukturen, die weiterhin abnehmende finanzielle Leistungsfähigkeit des Landes sowie die Unterauslastung kritischer Infrastrukturen, die nachfolgend kurz stellvertretend für eine Vielzahl an negativen Folgen des demografischen Wandels betrachtet werden sollen.

Der Fachkräftemangel, der sich in anderen Regionen Deutschlands gegenwärtig erst andeutet, ist in Sachsen-Anhalt bereits deutlich zu spüren: Während im Jahr 2005 noch 5% der Arbeitsplätze mit Fachkräftebedarf nicht zeitnah besetzt werden konnten, waren es im Jahr 2011 bereits 24%. Im gleichen Jahr konnten 23% aller angebotenen Lehrstellen in Sachsen-Anhalt nicht besetzt werden – 2005 waren es noch lediglich 6% [vgl. MLV 2013, S. 49]. Im Gesundheitsbereich ist diese Situation regional stellenweise noch dramatischer. Auch die finanzielle Leistungsfähigkeit des Landes wird durch den Einwohnerschwund von Jahr zu Jahr gemindert – pro verlorenem Einwohner verringern sich die Bundeszuweisungen an den Landeshaushalt um rund 2.400 Euro. Der Bevölkerungsrückgang hat das Land damit seit 1991 bereits 1,2 Milliarden Euro an verlorenen Haushaltsmitteln gekostet [vgl. MLV 2010, S. 16].

Selbst die Infrastruktur leidet unter dem Rückgang: Durch die sinkende Auslastung von Trink- und Abwasserleitungen kommt es zu längeren Durchsatzzeiten, stärkeren Verunreinigungen und schnellerer Wiederverkeimung, so dass häufigere Spülungen erforderlich werden, wodurch sich wiederum die Instandhaltungskosten erheblich erhöhen [vgl. Winkel 2011, S. 52]. Im Landkreis Harz tritt dieses Problem vornehmlich in der besonders kleinteiligen Stadt Oberharz am Brocken auf und ist dort unter anderem Gegenstand eines umwelttechnischen Forschungsprojekts am Fachbereich Automatisierung und Informatik der Hochschule Harz.

Wie bereits erwähnt, ist die Entwicklung gleichzeitig aber auch mit großen Chancen für die Zukunft verbunden, da sie das Land dazu zwingt, sich zu einem Zeitpunkt an den demografischen Wandel anzupassen, zu dem sich bundesweit noch Best Practice-Regionen profilieren können. So setzt sich Sachsen-Anhalt heute nicht nur in stärkerem Maße als die meisten anderen Bundesländer für die Etablierung einer modernen Willkommenskultur, für die verstärkte Gewinnung ausländischer Fachkräfte sowie für die mit enormem Aufwand betriebene Rückholung von Auswanderern ein, sondern öffnet sich auch neuen Formen der medizinischen Versorgung, wie beispielsweise dem prototypischen Einsatz von Praxisassistentinnen und –assistenten in hausärztlich unterversorgten Regionen [vgl. MLV 2013, S. 14] oder auch der Ausstattung mobiler Praxen, wie sie etwa im Landkreis Harz bereits zum Einsatz kommen.

Überhaupt könnte Sachsen-Anhalt zu einem Modellland für Gesundheit und moderne Pflege werden: Seit 1991 wurden hier bereits Mittel des Bundes in Höhe von rund 583 Millionen Euro sowie weitere 148 Millionen Euro des Landes und aus privater Hand in die Modernisierung der Pflegeinfrastruktur investiert [vgl. BMG 2010, S. 131] – und eine Vielzahl von Forschungs- und Entwicklungsprojekten an den zwei Universitäten sowie den fünf Fachhochschulen des Landes konnte in den vergangenen Jahren bereits erheblich zum internationalen Stand der Technik im Bereich der Telepflege beitragen (eine Übersicht bietet [Köhler 2014]). Die in dieser Entwicklung liegenden Chancen manifestieren sich in besonderem Maße im Landkreis Harz bzw. in der Region um die Kreisstadt Halberstadt, die im Fokus der weiteren Blgposts unserer kleinen Artikelserie zur Woche der Demografie liegen soll.

Verwendete Quellen

[BMG 2010] Bundesministerium für Gesundheit (BMG) (2010): Aufbau einer modernen Pflegeinfrastruktur in den neuen Bundesländern. Investitionsprogramm nach Art. 52 Pflege-Versicherungsgesetz. Berlin.

[Dinel 2005] Dienel, Christiane (2005): Vision Sachsen-Anhalt 20-xx. Zukunftsperspektiven für nachhaltiges staatliches Handeln. Hg. v. Friedrich-Ebert-Stiftung. nexus-Institut für Kooperationsmanagement und interdisziplinäre Forschung. Magdeburg.

[Haustein und Mischke 2011] Haustein, Thomas; Mischke, Johanna (2011): Ältere Menschen in Deutschland und der EU. Unter Mitarbeit von Johanna Mischke und Susanne Hagenkort-Rieger. Statistisches Bundesamt. Wiesbaden.

[Hübner et al. 2013] Hübner, Gundula; Hahn, Christiane; Mau, Wilfried; Treichel, Sabine (2013): Technikgestützte Pflege-Assistenzsysteme und rehabilitativ-soziale Integration unter dem starken demografischen Wandel in Sachsen-Anhalt. Abschlussbericht zum Teilprojekt Modul II. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Halle.

[Köhler 2014] Köhler, Benjamin; Maue, Isabell; Pasternack, Peer (2014): Sachsen Anhalt – Forschungslandkarte Demografie. Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg (HoF). Halle-Wittenberg.

[Maretzke 2011] Maretzke, Steffen (2011): Die demografischen Herausforderungen Deutschlands konzentrieren sich auf die ostdeutschen Regionen. Wesentliche Strukturen und Trends der demografischen Entwicklung seit 1990. In: Demografische Spuren des ostdeutschen Transformationsprozesses. 20 Jahre deutsche Einheit. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Bonn, S. 12–27.

[MLV 2010] Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt (2010): Nachhaltige Bevölkerungspolitik in Sachsen-Anhalt. Magdeburg.

[MLV 2013] Stabsstelle für demografische Entwicklung und Prognosen des Ministeriums für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt (2013): Den demografischen Wandel gestalten. Berichterstattung an den Landtag von Sachsen-Anhalt. Magdeburg.

[Scholz 2011] Scholz, Rembrandt (2011): Die Lebenserwartung – eine Erfolgsgeschichte der demografischen Entwicklung in den Neuen Ländern. In: Demografische Spuren des ostdeutschen Transformationsprozesses. 20 Jahre deutsche Einheit. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Bonn, S. 28–38.

[Winkel 2011] Winkel, Rainer (2011): Die Wirkungen der demografischen Veränderungen im ostdeutschen Transformationsprozess auf die Daseinsvorsorge. In: Demografische Spuren des ostdeutschen Transformations- prozesses. 20 Jahre deutsche Einheit. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Bonn, S. 51–55.

Der demografische Wandel (1): Bundesrepublik Deutschland

Demografiewoche

Im Vorfeld der ersten Demografie-Woche in Sachsen-Anhalt, die mit dem Demografie-Kongress am 09.04. eingeleitet wird, wollen wir den demografischen Wandel auch hier im Blog des Pflegenetzwerks Harz im Rahmen einer vierteiligen Artikelserie – von der Bundesrepublik über Sachsen-Anhalt und den Landkreis Harz bis zu Halberstadt und Umgebung – näher beleuchten und beginnen daher heute mit einem Blick aufs „große Ganze“ – die Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland seit den 1960er Jahren.

Der demografische Wandel wird die meisten europäischen Gesellschaften – Europa ist derzeit die durch Verschiebung von Altersstrukturen am stärksten beeinflusste Region der Welt [vgl. Carretero et al. 2012, S. 14] – in den kommenden Jahrzehnten massiv verändern und tiefgreifende Auswirkungen auf Arbeitsmärkte, Raum- und Infrastrukturplanungen, gewachsene Sozialsysteme und die medizinische und pflegerische Grundversorgung entfalten. Dabei ist der Wandel in Deutschland schon weiter fortgeschritten, als überall sonst in Europa: In keinem anderen Land lebten bereits im Jahr 2010 mehr Menschen über 65 Jahren (20,7%) als in der Bundesrepublik, dicht gefolgt nur von Italien mit 20,2%. Europaweit lag der Bevölkerungsanteil der Seniorinnen und Senioren im gleichen Jahr noch bei 17,4%, wobei sich einige Staaten (wie etwa Irland mit 11,3%) deutlich nach unten abgrenzten [vgl. Haustein und Mischke 2011, S. 89].

Infografik: Demografischer Wandel: Andere Länder wird es noch härter treffen als Deutschland | Statista
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Ursächlich für die Dynamik dieser Entwicklung ist insbesondere der sogenannte Effekt der „doppelten demografischen Alterung“ – der steigenden Lebenserwartung bei gleichzeitig sinkender Geburtenrate [vgl. BMBF 2013b, S. 12]. So hat sich etwa die Lebenserwartung in Deutschland in den vergangenen 100 Jahren bereits um mehr als 30 Jahre erhöht [vgl. Haustein und Mischke 2011, S. 4] und steigt derzeit durchschnittlich um drei Monate pro Jahr an. Für ein nach dem Jahr 2010 zur Welt gekommenes Kind liegt die Wahrscheinlichkeit auf das Erleben des 100. Geburtstags damit bereits bei über 50% [vgl. BMBF 2013a, S. 23]. Gleichzeitig sank die Geburtenrate in beiden deutschen Staaten seit Mitte der 1960er Jahre kontinuierlich ab, so dass der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die demografische Entwicklung prägende Geburtenüberschuss zu Beginn der 1970er Jahre durch einen Überschuss an Sterbefällen abgelöst wurde [vgl. Grünheid und Ahmed 2013, S. 8]. Sorgte bis zum Jahr 2003 noch der Überschuss aus der Zuwanderung für eine insgesamt ansteigende Gesamtbevölkerungszahl, so lässt sich die doppelte demografische Alterung seit 2004 auch durch ein positives Wanderungssaldo nicht mehr ausgleichen [vgl. Grünheid und Ahmed 2013, S. 10].

Diese Entwicklungen führen in ihrer Kombination dazu, dass sich die Altersstruktur der Bevölkerung erheblich verschiebt: Lag der Anteil der Deutschen mit einem Alter ab 65 Jahren im Jahr 1871 noch bei knapp 5%, ist heute bereits – wie bereits erwähnt – mehr als jeder fünfte Deutsche dieser Altersgruppe zuzuordnen. Ausgehend von den Annahmen der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung ist damit zu rechnen, dass der Anteil der Seniorinnen und Senioren an der deutschen Bevölkerung bis zum Jahr 2060 auf über 34% ansteigen wird, während der Anteil der Deutschen unter 20 Jahren – eine Altersgruppe, der 1871 noch 43% der Bevölkerung zugerechnet werden konnten – zeitgleich auf unter 16% absinken wird [vgl. Grünheid und Ahmed 2013, S. 14]. Bis 2060 wird sich außerdem nicht nur die Gesamtbevölkerung von aktuell rund 82 Millionen auf etwa 70 Millionen Menschen reduzieren, sondern auch der Anteil der Erwerbstätigen um mehr als 20% abnehmen [vgl. BMWi 2014, S. 6].

Ein besonders dramatischer Anstieg wird in den kommenden Jahrzehnten in der Bevölkerungsgruppe der sogenannten Hochaltrigen (Personen ab 80 Jahren) stattfinden. Lag deren Bevölkerungsanteil im Jahr 1871 noch bei weniger als 1%, ist er bereits auf über 5% gestiegen und wird sich bis 2060 bis auf 14% nahezu verdreifachen [vgl. Grünheid und Ahmed 2013, S. 15]. Dies entspricht einem absoluten Anwachsen dieser Gruppe von etwa 4 Millionen Menschen im Jahr 2014 auf mehr als 10 Millionen Menschen im Jahr 2050 [vgl. BMWi 2014, S. 6].

Statistik: Bevölkerung - Verteilung der Einwohner in Deutschland nach Altersgruppen am 31. Dezember 2013 | Statista
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Da mit zunehmendem Alter das Risiko steigt, aufgrund von Alterserscheinungen und chronischen Erkrankungen auf pflegerische Unterstützung angewiesen zu sein, stellt der demografische Wandel die gesundheitlichen Pflege- und Versorgungsstrukturen vor besondere Herausforderungen: Während lediglich 0,5% der Deutschen bis zum Alter von 59 von Pflegeleistungen abhängig sind, sind es in der Gruppe der Deutschen über 89 ganze 59%. Die Altersverteilung der Schwerstbehinderungen unterstreicht ebenfalls den starken Zusammenhang zwischen Alter und Hilfsbedürftigkeit: 55% aller schwerstbehinderten Deutschen sind älter als 65 Jahre. Aufgrund dieses Zusammenhangs kommt es mit der Verschiebung der Altersstruktur auch zu einem ganz erheblichen Anstieg an Pflegebedürftigen – von 2,3 Millionen im Jahr 2009 über 2,9 Millionen im Jahr 2020 auf 3,4 Millionen im Jahr 2030 [vgl. Haustein und Mischke 2011, S. 82].

Der Blick auf die prognostizierte Entwicklung des sogenannten Gesamtquotienten lässt erahnen, welche gesellschaftlichen Umwälzungen diesen Veränderungen folgen werden. Als Gesamtquotient bezeichnet man die Summe von Jugendquotient (das Verhältnis von Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren zur Haupterwerbsgruppe zwischen 20 und 64 Jahren) und Altenquotient (das Verhältnis von Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren zur Haupterwerbsgruppe zwischen 20 und 64 Jahren). Der Gesamtquotient, der somit das (ungefähre) Verhältnis von abhängiger (Kinder, Jugendliche und Rentner) zu erwerbsfähiger Bevölkerung zeigt, wird sich in Deutschland von 64,1 im Jahr 2011 über 83,5 im Jahr 2030 auf 98,4 im Jahr 2060 verschieben [vgl. Grünheid und Ahmed 2013, S. 16]. Im Hinblick auf die pflegerische Versorgung von größerer Bedeutung als der Gesamtquotient ist der intergenerationelle Unterstützungskoeffizient, der die Zahl der Hochaltrigen (ab 80 Jahren) zur Größe der Kindergeneration im Alter von 50 bis 64 Jahren setzt, aus deren Reihen sich die meisten informell Pflegenden rekrutieren. Kamen im Jahr 2011 auf einen potentiell pflegebedürftigen Hochaltrigen noch 3,8 potentielle Unterstützer aus der nachfolgenden Generation, wird das Verhältnis über 3,2 im Jahr 2020 auf 2,5 im Jahr 2030 absinken [vgl. Grünheid und Ahmed 2013, S. 21].

Welche Chancen und Herausforderungen sich aus diesen Entwicklungen für Sachsen-Anhalt – und dort insbesondere für den Landkreis Harz bzw. für Halberstadt – ergeben, wird Gegenstand der nächsten Blogposts dieser Reihe sein.

Verwendete Quellen

[BMBF 2013a] Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2013a): Demografie-Werkstattgespräche. Mit Forschung den Weg in die Zukunft gestalten. Berlin.

[BMBF 2013b] Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2013b): Technik zum Menschen bringen. Dokumentation des 1. BMBF-Zukunftskongresses Demografie vom 21.-22.10.2013 in Berlin. Berlin.

[BMWi 2014] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) (2014): Ausbildung junger Menschen aus Drittstaaten. Chancen zur Gewinnung zukünftiger Fachkräfte für die Pflegewirtschaft. Berlin.

[Carretero et al. 2012] Carretero, Stephanie; Stewart, James; Centeno, Clara; Barabella, Francesco; Schmidt, Andrea; Lamontagne-Godwin, Frédérique, Lamura, Giovanni (2012): Can Technology-based Services support Long-term Care Challenges in Home Care? Publications Office of the European Union. Luxemburg.

[Grünheid und Ahmed 2013] Grünheid, Evelyn; Ahmed, Najeeb (2013): Bevölkerungsentwicklung 2013. Daten, Fakten, Trends zum demografischen Wandel. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Wiesbaden.

[Haustein und Mischke 2011] Haustein, Thomas; Mischke, Johanna (2011): Ältere Menschen in Deutschland und der EU. Unter Mitarbeit von Johanna Mischke und Susanne Hagenkort-Rieger. Statistisches Bundesamt. Wiesbaden.