Archiv des Autor: Christian Reinboth

Erfolgreicher Tag der Demografiefolgenforschung in Wernigerode

Demografiewoche 2017

Bereits zum zweiten Mal beteiligte sich die Hochschule Harz in diesem Jahr mit einem „Tag der Demografiefolgenforschung“ an der „Woche der Demografie“ des Landes Sachsen-Anhalt. Im Rahmen einer ganztägigen offenen Vorlesungsreihe nahmen am 15. August zahlreiche Professorinnen und Professoren die Gelegenheit wahr, ihre aktuellen Projekte mit Bezug zum demografischen Wandel vor zahlreichen Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zu präsentieren.

Prof. Dr. Georg Westermann

Prof. Dr. Georg Westermann (Foto: Hochschule Harz).

Die von Christian Reinboth moderierte Veranstaltung wurde durch Prof. Dr. Georg Westermann, den Prorektor für Forschung und Wissenstransfer, mit einer Vorstellung des fachbereichsübergreifenden Forschungsschwerpunkts Demografiefolgen eröffnet: „Der richtige Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels ist einer von zwei Forschungsschwerpunkten unserer Hochschule, zu denen an beiden Standorten und in allen drei Fachbereichen – Wirtschaftswissenschaften, Automatisierung und Informatik sowie Verwaltungswissenschaften – intensiv geforscht wird.“ Das inhaltliche Spektrum reicht Westermann zufolge dabei von der Bekämpfung des Fachkräftemangels in kleinen und mittelständischen Unternehmen der Region über die Konzeption barrierearmer touristischer Angebote für ältere Urlauberinnen und Urlauber bis hin zur Entwicklung von Softwareanwendungen für Pflegekräfte. „Diese große Vielfalt der Forschungsthemen wollen wir mit der heutigen Veranstaltung nach außen tragen“, so der Professor für Betriebswirtschaftslehre und Unternehmensberatung.

Thomas Karolczak und Dr. Matthias Haupt

Thomas Karolczak und Dr. Matthias Haupt (Foto: Hochschule Harz).

Bevor erste Forschungsprojekte vorgestellt wurden, erläuterte Prof. Dr. Ulrich Fischer-Hirchert, welchen Stellenwert Themen mit demografischem Bezug inzwischen auch in der Lehre einnehmen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Hermann Strack bietet er mit „Ambient Assisted Living“ seit kurzem ein neues Wahlpflichtfach am Fachbereich Automatisierung und Informatik an, in dessen Rahmen Studierende sich mit aktuellen Entwicklungen in Telemedizin und intelligenter Haussensorik auseinandersetzen. Während Corinna Langhans von der Stabsstelle Forschung im Anschluss die Herausforderungen des demografischen Wandels aus Sicht des klinischen Qualitätsmanagements unter die Lupe nahm, stellten Dr. Matthias Haupt und Thomas Karolczak neuartige Formen der Mensch-Technik-Interaktion vor – darunter einen fernsteuerbaren Kamera-Roboter der Senioren-Technik-Beratungsstelle in Wanzleben-Börde, mit dem sich aus der Ferne feststellen lässt, ob eine pflegebedürftige Person gestürzt ist. In zwei weitere Vorträgen stellten Sabrina Hoppstock, Peter Kußmann und Jens-Uwe Just anschließend das BMBF-geförderte Forschungsprojekt „fast care“ vor, in dessen Rahmen sich vier Unternehmen und vier Hochschulen der Entwicklung eines echtzeitfähigen Sensordaten-Frameworks für intelligente Assistenzsysteme widmen.

Prof. Dr. Axel Dreyer

Prof. Dr. Axel Dreyer (Foto: Hochschule Harz).

Nach einer kurzen Mittagspause erläuterte Prof. Dr. Axel Dreyer vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften die Vorzüge von Elektrofahrrädern für körperlich beeinträchtigte Urlauberinnen und Urlauber und zeigte das wirtschaftliche Potential der „pedelecs“ für den barrierearmen Tourismus auf. Der Fachbereich Verwaltungswissenschaften wurde von Prof. Dr. Birgit Apfelbaum und Prof. Dr. Christoph Goos vertreten, die erste Erkenntnisse aus einer derzeit laufenden Untersuchung zur Rolle des Ehrenamtes im integrierten Flüchtlingsmanagement präsentierten. Auf eine Einführung in wichtige Aspekte des Datenschutzes und der Datensicherheit in eHealth-Systemen durch Prof. Dr. Hermann Strack folgte mit einer kurzen Vorstellung aktueller Fördermöglichkeiten für Forschungsprojekte zum demografischen Wandel durch Ellen Burgdorf der letzte Vortrag des Tages. Verbunden mit einem Dank an Veranstaltungsorganisatorin Theresa Vitera zieht Prof. Westermann ein positives Fazit: „Das Interesse an unseren Forschungsprojekten zeigt, dass wir an der Hochschule Harz keine ‚Forschung für die Schublade‘ betreiben, sondern mit praxisnahen Projekten immerhin einen kleinen Beitrag zur Bewältigung der auch in unserer Region bereits spürbaren Folgen des demografischen Wandels leisten können.“

Ellen Burgdorf

Ellen Burgdorf (Foto: Hochschule Harz).

Tag der Demografie-Forschung an der Hochschule Harz

Hochschule Harz

Im Rahmen der Demografie-Woche in Sachsen-Anhalt findet an der Hochschule Harz am Dienstag, dem 15. August, der Tag der Demografie-Forschung statt. Von 10 bis 16 Uhr stehen auf dem Wernigeröder Campus (Raum 4.001) neuartige Forschungsprojekte und Erkenntnisse der „Demografiefolgenforschung“ sowie Themen rund um die Digitalisierung im ländlichen Raum auf dem Programm. Die Teilnahme ist kostenfrei, die Anmeldung erfolgt per E-Mail bei der Stabsstelle Forschung, Theresa Vitera: . Weiterführende Informationen zum Vortragsprogramm finden sich stets aktuell unter https://www.hs-harz.de/forschung/tagungen/.

„Demografie ist ein vielschichtiger Begriff, der seit geraumer Zeit gesellschaftliche und politische Überlegungen bestimmt, die Diskussion um Strategien wird auf vielen Ebenen geführt“, berichtet Prof. Dr. Georg Westermann, Prorektor für Forschung und Transfer. Der Professor betont: „Das Thema ist vielschichtig und interdisziplinär – jeder Einzelne wird gebraucht, um bei der aktiven Umgestaltung gesellschaftlicher Strukturen mitzuwirken.“

Der demografische Wandel ist auch Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte an der Hochschule Harz, die Veranstaltung bietet daher nicht nur ein vielseitiges Programm sondern auch Gelegenheit zur aktiven Mitgestaltung. Vorträge und Demonstrationen zu neuen Formen der Mensch-Technik-Interaktion finden ebenso Platz wie die medizinische Echtzeit-Versorgung der Zukunft und die Herausforderungen vor denen Kliniken und Krankenhäuser stehen. Als aktuelles Forschungsprojekt wird die Detektion von Krankheiten durch optische Analyse von menschlicher Atemluft vorgestellt. Gleichzeitig gibt es Vorträge zu Impulsen für den Radtourismus durch Elektrofahrräder oder integriertes Flüchtlingsmanagement im Harz. Bevor zum Tagungsende ein gemeinsamer Ausklang wartet, stellen die hochschuleigenen Experten Fördermöglichkeiten für Projekte zum Umgang mit dem demografischen Wandel vor.


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AAL-Projektpartner gesucht: Hochschule Harz startet Ausschreibung

Hochschule Harz

An dieser Stelle gestatten wir uns den Hinweis auf eine aktuelle Ausschreibung, die ggf. für die Unternehmen von Bloglesern/innen aus der Pflegebranche von Interesse sein könnte: Die Hochschule Harz sucht einen oder mehrere Partner für die Erprobung eines an der Hochschule entwickelten bzw. sich noch in der Entwicklung befindlichen AAL-Systems in der stationären sowie in der ambulanten Pflege (zwei Lose). Die vollständige Ausschreibung finden sich im e-Vergabe-Portal des Beschaffungsamts des Bundesinnenministeriums:

https://www.evergabe-online.de/tenderdetails.html;jsessionid=8BEF9F44DED7302BECC8AA53033E6C58?0&id=160258

Fragen zur Ausschreibung können an

Dr.-Ing. Matthias Haupt
Hochschule Harz
Friedrichstraße 57 – 59
38855 Wernigerode
Telefon: +49 3943 659365
Telefax: +49 3943 6595365
E-Mail: mhaupt@hs-harz.de

gerichtet werden.

Medizintechnik-Projekt „tecLA LSA“ gestartet

EFRE

(Pressemitteilung der Hochschule Harz vom 24.03.2017)

Hochschule Harz stellt sich demografischen Herausforderungen

Die Hochschule Harz entwickelt gemeinsam mit der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ein modulares unterstützendes Dienstleistungsportal für ältere Menschen im privaten Lebensbereich. Bei dem auf 3 Jahre angelegten Landesprojekt „Zielgruppenorientierte Entwicklung technischer Assistenzsysteme für selbstbestimmtes Leben im Alter“ – kurz: tecLA – steht ein nutzerfreundlicher Zugang zu innovativer Technik klar im Vordergrund.

Die personalisierten und den Bedürfnissen der Nutzer angepassten Assistenzsysteme beinhalten unter anderem Erinnerungsfunktionen (Einnahme von Medikamenten), sie fordern zu Handlungen auf (Durchführung eines Fitnessprogramms), sie trainieren intellektuelle Fähigkeiten für den Erhalt der geistigen Kapazität (Spiele) oder sie unterstützen die Fortbewegung zu Hause und im öffentlichen Raum.

„Ziel ist es, ein System zu entwickeln, das bereits bestehende Parameter zusammenfasst und miteinander verknüpft, gleichzeitig soll es leicht für ältere Menschen bedienbar sein“, erklärt Projektleiter Prof. Dr. Ulrich Fischer-Hirchert, Hochschullehrer am Wernigeröder Fachbereich Automatisierung und Informatik. Der Physiker ergänzt: „Altersbedingte Einschränkungen werden durch die Assistenzsysteme teilweise kompensiert – eine stationäre Pflege beschränkt sich dadurch auf die wirklich schweren Fälle.“

Das tecLA LSA Projekt richtet sich vorrangig an Menschen, die bisher keinerlei Berührungspunkte mit der Technik hatten – zukünftig sollen die Nutzer ein Smartphone oder Tablet ohne Probleme bedienen können. Projektmitarbeiter Dr. Matthias Haupt schätzt den Wert des marktfähigen Produkts hinsichtlich des demografischen Wandels sehr hoch ein: „Die Anwendung ist simpel und dennoch entsteht für die Zielgruppe ein klarer Mehrwert – alle Sensorsysteme sind bereits integriert, es muss nichts mehr installiert werden und man muss sich keine Gedanken über Kompatibilitätsprobleme machen“, berichtet der Ingenieur vom Photonic Communications Lab an der HS Harz.

Um eine hohe Nutzerakzeptanz zu erreichen, kooperieren die Wissenschaftler von Anfang an mit führenden Unternehmen der Pflege und Medizintechnik. Der Verbund aus Sozial- und technischen Wissenschaften, Medizin und Design sowie Anwendern aus der Praxis gewährleistet eine gesellschaftlich verantwortliche Vorgehensweise, die ethische wie rechtliche Fragen bei der Entwicklung des Assistenzsystems explizit berücksichtigt.

Finanziert wird dieses interdisziplinäre Forschungsvorhaben aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

http://tecla.hs-harz.de/

Beratungs-Know-How aus dem Harz im Enzkreis

Kurz notiert: Die Wohnraumberatung des Deutschen Roten Kreuz im Enzkreis in Baden-Württemberg gibt auf ihrer Webseite an, auf Basis des an der Hochschule Harz in Halberstadt entstandenen Buchs „Technikberatung für ältere Menschen“ von Prof. Dr. Birgit Apfelbaum, Nina Efker und Thomas Schatz zu arbeiten. Eine tolle Auszeichnung für die drei Autor*innen – und ein guter Indikator dafür, dass das dem Werk zugrundeliegende BMBF-Programm „Besser leben im Alter durch Technik“ – auch in Halberstadt gibt es ja eine aus diesem Programm hervorgegangene Beratungsstelle – zu in hohem Maße praxisrelevanten Ergebnissen geführt hat.

Wohnraumberatung

Lebenslang in der eigenen Wohnung – Kassel ist weiter

Wohnraumberatung

Auch wenn Sachsen-Anhalt bei der Vorbereitung auf die Folgen des demografischen Wandels in den vergangenen Jahren fraglos große Fortschritte gemacht hat, zeigt der Blick in andere Bundesländer doch deutlich, dass man dort nicht nur politisch, sondern auch zivilgesellschaftlich schon weiter ist. Aufgefallen ist mir dies erst neulich wieder beim Spaziergang durch Kassel (Hessen). Hier hat sich nicht nur bereits eine fünf Tage die Woche durchgehend geöffnete Beratungsstelle für die seniorengerechte Wohnraumanpassung etabliert, im derzeit stattfindenden Oberbürgermeister-Wahlkampf wird – hier durch den parteilosen Bewerber Christian Geselle – sogar mit „lebenslanges Wohnen in der eigenen Wohnung“ um Stimmen geworben. Von einem derartig „alltagsnormalen“ Umgang mit den Wünschen und Bedürfnissen des älteren Teils der Bevölkerung sind einige Kommunen in Sachsen-Anhalt leider noch ein Stück weit entfernt – ein Ziel, das in den kommenden Jahren durch die Fortführung der erfolgreichen Arbeit vieler Akteure auf diesem Gebiet aber durchaus erreicht werden kann. Nach oben orientieren kann man sich schließlich immer.

Christian Geselle

 

Neues AAL-Forschungsprojekt startet in Niedersachsen

(Pressemitteilung des Amts für regionale Landesentwicklung Leine-Weser)

Die niedersächsische Landesregierung hat es sich zum Ziel gesetzt, den demografischen Wandel aktiv zu gestalten und fördert daher im Bereich der Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg in diesem Jahr erstmals vier Modellprojekte zur produktiven Gestaltung demografischer Herausforderungen. Am heutigen Vormittag überreichten die Landesbeauftragten für regionale Landesentwicklung Leine-Weser und Braunschweig, Karin Beckmann und Matthias Wunderling-Weilbier in Hildesheim die Förderbescheide.

Torsten Voß von der Nibelungen Wohnbau GmbH und Silke Pförtner, von der Wiederaufbau eG freuen sich über einen Zuschuss von 150.000 € für ein Forschungs- und Praxisprojekt zum „Ambient Assisted Living“.

Die beiden Wohnungsbauunternehmen haben es sich zum Ziel gesetzt gemeinsam mit der Medizinischen Hochschule Hannover und der TU Braunschweig beziehungsweise dem Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik die bestehenden Systeme des „Ambient Assisted Living“ (AAL, auf Deutsch: Altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben) zu optimieren und intelligente Gebäudetechnik in die breitere Nutzung zu bringen.

Zur Sammlung von Daten zum Wohnverhalten und Erfahrungsberichten der Mieter werden insgesamt neun Wohnungen mit Hausautomationskomponenten unterschiedlicher Hersteller ausgestattet. „Das neue Projekt ‚AAL-Wohnungen in der Forschung und Praxis‘ möchte unter anderem analysieren, wie eine möglichst hohe Akzeptanz der Systeme bei älteren Menschen erreicht werden kann und diese Systeme und Dienstleistungen optimal auf die individuellen Bedarfe angepasst werden können“, berichtet Projektleiter Torsten Voß.

„Bisher sind zu wenig Wohnungen mit Hausautomationssystemen ausgestattet und es liegen zu wenig Daten über das Wohnverhalten der Bewohner vor, die für die medizinische Grundlagenforschung in diesem Bereich dringend erforderlich sind. Die Förderung des Vorhabens macht die Region zukunftsfähig und ermöglicht die Weiterentwicklung praxistauglicher Systeme“, so der Landesbeauftragte Wunderling-Weilbier bei der Übergabe des Bescheides.

AAL-Team

V.l.n.r.: Matthias Maring (Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser), Matthias Wunderling-Weilbier (Landesbeauftragter für regionale Landesentwicklung Braunschweig), Silke Pförtner (Wiederaufbau eG), Torsten Voß (Nibelungen Wohnbau GmbH), Stefanie Gröger-Timmen (Dezernatsleiterin Regionale Landesentwicklung, EU-Förderung und Projektmanagement bei dem Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser)

Teleconsulting-Projekt in der Börde scheitert am Arzneimittelgesetz

PixelTablet

Ein weiteres Telepflege-Projekt in Sachsen-Anhalt scheitert dieser Tage an der Unmöglichkeit, gesetzliche Vorgaben mit existierender Technologie bedienen zu können: Ein Ärztenetzwerk im Bördekreis hat der Volksstimme zufolge nach eingehender Beschäftigung mit dem Arzneimittelgesetz (AMG) ein durchaus vielversprechendes Teleconsulting-Projekt zur Unterstützung der Grundversorgung im ländlichen Raum wieder abgebrochen. Die Grundidee des Netzwerks weist dabei durchaus interessante Bezüge zu auch von uns verfolgten Projektideen auf:

„Zu bestimmten Sprechzeiten wäre eine Krankenschwester [in geeigneten Räumen im kleinen Ortsteil Ebendorf] vor Ort gewesen, die die Vitalparameter wie den Blutdruck und den Blutzuckerwert erfasst und mittels moderner Medien dem Arzt übermittelt hätte. Für akute Notfälle sei die telemedizinische Versorgung jedoch nicht gedacht gewesen, sondern nur für Dauerverordnungen, erklärte Ulrich Korn, Vorsitzender des Gesundheitsnetzwerkes, im April.“

Gescheitert ist das Vorhaben letztendlich daran, dass Ärzte dem AMG zufolge nach wie vor keine Verordnungen (auch keine Neuausstellung von Dauerverordnungen z.B. für Diabetiker/innen) vornehmen dürfen, ohne die Patienten/innen persönlich in Augenschein genommen zu haben. Hier sollte (und wird) der Gesetzgeber noch Abhilfe schaffen, um engagierten Ärztinnen und Ärzten die schwieriger werdende Versorgung im ländlichen Raum zu erleichtern.

Neuerscheinung: Aufbau einer kommunalen Senioren-Technik-Beratung

Technikberatung

Technische Hilfsmittel zur Förderung von Selbständigkeit, Autonomie und gesellschaftlicher Teilhabe älterer Menschen werden auch bei zunehmendem Unterstützungsbedarf bisher nur wenig genutzt. Der kürzlich im Verlag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. herausgegebene Leitfaden „Technikberatung für ältere Menschen und Angehörige: Praxis-Tipps für ein Serviceangebot in der Kommune“ will dies ändern. Die Autor*innen Birgit Apfelbaum (Hochschule Harz), Nina Efker (Stadt Solingen) und Thomas Schatz (Hochschule Harz) zeigen die Bedeutung einer kommunalen Technikberatung für Betroffene, ihre Angehörigen und das Gemeinwesen. Schritt für Schritt wird der Aufbau eines bedarfsorientierten Beratungsangebots dargestellt, begleitet von vielen praxiserprobten Tipps und Handlungsempfehlungen für eine zielgruppenorientiert Kommunikation.

Besonders wertvoll für interessierte, aber auf dem Technik-Gebiet bisher nicht aktiv gewordene Beratungsstellen ist die Übersicht erprobter Geräte jenseits aufwendiger Roboter- oder Smart Home-/AAL-Systeme. Das Handbuch wertet die Erfahrungen von Modellprojekten der Senioren-Technik-Beratung in deutschen Kommunen aus – darunter auch der Beratungsstelle hier in Halberstadt – und ist zu einem Preis von 15,90 EUR im Buchhandel, bei amazon oder im Fachbuch-Online-Shop des Deutschen Vereins unter diesem Link erhältlich.

Technikberatung für ältere Menschen und Angehörige

Abrechnungsbetrug in der Pflege – drohen nun neue Doku-Pflichten?

In der vergangenen Woche war in den Medien auffallend viel von mutmaßlichen Abrechnungsbetrügereien in der Pflege durch die sogenannte „Russenmafia“ zu hören – offenbar wurden durch einige mobile Pflegeanbieter über Jahre hinweg nicht erbrachte oder illegalerweise durch Hilfskräfte ausgeführte Tätigkeiten mit den Kassen abgerechnet. Sollten sich diese Vorwürfe bewahrheiten, liegt es natürlich im Interesse aller sauber arbeitenden Pflegedienste und Pflegekräfte, dass solche Praktiken beendet und die Drahtzieher vor Gericht gestellt werden. Was dagegen überhaupt nicht im Interesse der Pflege liegt, sind neue Dokumentationspflichten, wie sie von einigen politischen Akteuren in den vergangenen Tagen schon medial ins Spiel gebracht wurden.

Bereits heute leidet die gesamte Pflege unter einer deutlich zu hohen Dokumentationslast. So entfallen etwa in der stationären Altenpflege rund 50% der Arbeitszeit auf die Grundpflege, 20% auf die Behandlungspflege – und immerhin schon 30% auf Pflegedokumentation, Besprechungen und logistische Nebentätigkeiten [vgl. Becke et al. 2011, S. 15-16]. In der ambulanten Pflege ist das Verhältnis pflegerischer zu nicht-pflegerischer Tätigkeiten (insbesondere aufgrund der zusätzlichen Fahrtzeiten) sogar noch ungünstiger [vgl. Becke et al. 2011, S. 27]. Im Rahmen unseres SEVIP&V-Projekts kamen Studierende der Hochschule Harz bei Workshops mit Pflegekräften in vier Pflegeeinrichtungen in Halberstadt zu ähnlichen Ergebnissen. Wie durch die Teilnehmerinnen (die Pflege ist weiblich) in allen vier Workshops betont wurde, steigt die Arbeitsfrustration mit dem ebenfalls zunehmenden zeitlichen Anteil der zumeist als fachfremd, lästig und bisweilen auch überflüssig empfundenen Dokumentationstätigkeiten stetig an. Gerade erfahrene Pflegekräfte bedauerten in teils sehr emotionalen Statements, dass sie sich beispielsweise nicht mehr gebührend von Sterbenden verabschieden konnten, weil Dokumentations- und Kontrollpflichten Vorrang eingeräumt werden musste.

Während ein gewisser Dokumentationsumfang in der Pflege vollkommen gerechtfertigt ist, hat die sprunghafte Zunahme der Dokumentations- und Kontrollpflichten in den vergangenen zehn Jahren zu einer für alle Seiten unbefriedigenden Situation geführt: Pflegekräfte sind überarbeitet und frustriert, Patienten und Angehörige verstehen nicht, warum oft kaum Zeit für ihre persönlichen Anliegen verfügbar ist und Mediziner und Kontrolleure sehen sich mit Bergen von Daten konfrontiert, die kaum noch sinnvoll ausgewertet werden können. Der hohe Dokumentationsaufwand erschwert darüber hinaus die Integration selbst gut ausgebildeter Pflegefachkräfte aus dem Ausland, die mit einem anderen, stark patientenbezogenen Verständnis von Pflege hier ankommen, und denen man mühsam vermitteln muss, warum die zwischenmenschliche Komponente der Pflege im Zweifelsfall hinter den Formularen zurückzustehen hat.

Durch das durch die Bundesregierung initiierte Projekt zur Entbürokratisierung der Pflege sowie eine ganze Reihe neuer, IT-gestützter Dokumentationsanwendungen bewegt sich das Verhältnis von Pflegezeit zu Dokumentationszeit seit kurzem wieder – in kleinen Schritten – in die richtige Richtung. Hoffen wir, dass der medial stark rezipierte Skandal um den Abrechnungsbetrug der „Russenmafia“ nicht dazu führt, dass die Politik der Pflege neue Dokumentationslasten aufbürdet. Sollte man am Ende zu der Überzeugung gelangen, dass eine verstärkte Kontrolle insbesondere ambulanter Pflegeleistungen erforderlich ist, sollte diese nach Möglichkeit nicht über noch mehr Formulare und Berichte, sondern über zusätzliche Untersuchungen an und Gespräche mit Patientinnen und Patienten erfolgen. Darüber hinaus liegt es an der Politik, die Rahmenbedingungen für Pflege so zu gestalten, dass gute und fair bezahlte Pflege sich am Markt besser gegen „Billigheimer“ mit fragwürdigen Abrechnungspraktiken behaupten kann.

Quellen

[Becke et al. 2011] Becke, Guido; Bleses, Peter; Gundert, Hannah; Wetjen, Anna (2011):Trendreport ambulante soziale Unterstützungsdienstleistungen im Alter – arbeitswissenschaftliche Perspektiven. Universität Bremen. Bremen.