Der demografische Wandel (2): Sachsen-Anhalt

Demografiewoche

Aus einer Reihe von Gründen, die in diesem Blogpost nachfolgend noch näher betrachtet werden, sind die neuen Bundesländer im Vergleich mit den alten Bundesländern von den Auswirkungen des demografischen Wandels in wesentlich stärkerem Maße betroffen. Dabei ist die grundsätzliche Entwicklung – denn auch in den westdeutschen Bundesländern endete der Geburtenüberschuss bereits in den 1960er Jahren – in West wie Ost identisch, weshalb die derzeit in den neuen Bundesländern zu beobachtende Verschiebung der Altersstrukturen mit all ihren gesellschaftlichen Konsequenzen lediglich eine Entwicklung vorwegnimmt, welche den alten Bundesländern ebenfalls noch bevorsteht [vgl. Wilde 2011, S. 54]. Der Umstand, dass sich der demografische Wandel in einem Teil der Bundesrepublik mit höherer Geschwindigkeit vollzieht, wird im Kontext unseres SEVIP&V-Projekts als Chance für die Entwicklung übertragbarer Lösungsansätze begriffen, die zunächst in den neuen Bundesländern als den Pionierregionen der demografischen Anpassung erprobt werden, mittelfristig aber auch in anderen Landesteilen zum Einsatz gelangen können.

Die beschleunigte Entwicklung in den neuen Bundesländern ist insbesondere auf den sogenannten „demografischen Schock“ in den Jahren nach der Wiedervereinigung zurückzuführen. So kam es in der ersten Hälfte der 1990er Jahre nicht nur zu einem – vermutlich primär durch die neuen sozialen und politischen Unsicherheiten verursachten – historisch zu nennenden Geburtenknick [vgl. Grünheid und Ahmed 2013, S. 10], sondern auch zu einer verstärkten Abwanderung in die alten Bundesländer. Für die zu diesem Zeitpunkt in die Arbeitsfähigkeit hineinwachsenden Kinder der vergleichsweise geburtenstarken DDR-Jahrgänge der 1970er und 1980er Jahre, waren angesichts des mit der Wende einhergehenden erheblichen Arbeitsplatzabbaus in den neuen Ländern zu wenige Arbeitsmöglichkeiten verfügbar, so dass es zu einem massiven Wegzug kam. Insgesamt verloren die neuen Bundesländer in den Jahren zwischen 1991 und 2011 rund 1,1 Millionen ihrer 16,4 Millionen Einwohner bzw. 7% der Bevölkerung.

Da die jungen Frauen in den neuen Ländern in einem gesellschaftlichen Klima aufgewachsen waren, in welchem berufstätige Frauen und Mütter den Normalzustand darstellten, verlor der Osten im Zuge dieser arbeitsplatzgetriebenen Abwanderung überdurchschnittlich viele junge Frauen, deren Weggang den Geburtenknick nur noch verschärfen sollte [vgl. MLV 2013, S. 22]: Innerhalb weniger Jahre brach die Geburtenziffer in den neuen Ländern von 1,52 Kindern je Frau Ende der 1980er Jahre auf einen Tiefstand von 0,77 Kindern je Frau im Jahr 1994 ein [vgl. Maretzke 2011, S. 14]. Dieser Geburtenknick aus den 1990er Jahren wirkt sich nach wie vor stark auf die Demografie der neuen Bundesländer aus, da die in diesem Jahrzehnt nicht geborenen Frauen inzwischen selbst wieder im gebärfähigen Alter gewesen wären. Sollte es in den kommenden Jahrzehnten nicht doch noch zu einem massiven Zuzug kommen, wird sich die demografische Abwärtsspirale in Ostdeutschland daher – selbstverstärkend – weiter fortsetzen. Ein Trend, zu dem auch der durch eine Verminderung der Ressourcenknappheit im Gesundheitswesen beförderte Anstieg der Lebenserwartung von Seniorinnen und Senioren im Vergleich zur Ära der DDR beigetragen hat und nach wie vor beiträgt [vgl. Scholz 2011, S. 35].

Unter den fünf neuen Bundesländern ist wiederum Sachsen-Anhalt aufgrund einer fortdauernden wirtschaftlichen Wachstumsschwäche, einer besonders hohen Abwanderung jüngerer Menschen und fehlender zivilgesellschaftlicher Unterstützungsstrukturen in ganz besonderem Maße von den Folgen des demografischen Wandels betroffen [vgl. Dinel 2005, S. 7]. Neben Mecklenburg-Vorpommern ist es das älteste Bundesland Deutschlands [vgl. Köhler et al. 2014, S. 6]. Die Dynamik der Entwicklung in Sachsen-Anhalt zeigt sich insbesondere beim Blick auf die Abwanderung: Je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner wanderten in Sachsen-Anhalt zwischen 1990 und 2011 durchschnittlich 126 Personen in andere Bundesländer oder ins Ausland aus – in Sachsen waren es dagegen nur 67, in Berlin sogar lediglich 18, während in Hessen und Bayern im gleichen Zeitraum 25 bzw. 57 neue Einwohnerinnen und Einwohner je 1.000 Personen hinzukamen [vgl. Gründheid und Ahmed 2013, S. 47]. Verstärkend wirkt auch ein Phänomen, welches ebenfalls nur in den neuen Ländern auftritt: Der Rückzug von älteren und aus dem Berufsleben ausgeschiedenen Menschen aus der Wegzugswelle der 1990er Jahre in ihre alte Heimat [vgl. Haustein und Mischke 2011, S. 9].

Insgesamt hat Sachsen-Anhalt zwischen 1990 und 2011 einen ganz erheblichen Bevölkerungsverlust von 19,5% verkraften müssen, bis 2025 ist mit einem weiteren Rückgang um 18,6% (ausgehend vom Basisjahr 2008) zu rechnen. Der bereits im vorangegangenen Blogpost eingeführte Altenquotient (das Verhältnis von Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren zur Haupterwerbsgruppe zwischen 20 und 64 Jahren) wird sich im gleichen Zeitraum von 38,6% auf rund 57,9% erhöhen [vgl. Hübner et al. 2013, S. 2]. Prognosen des Statistischen Landesamtes lassen erkennen, dass das Land im Jahr 2023 wohl erstmalig weniger als 2 Millionen Einwohner haben wird – ein Rückgang um mehr als die Hälfte seit dem Bevölkerungshöchststand im Jahr 1946 (4,1 Millionen) und immerhin um gut eine Million seit der Wiedervereinigung und darauffolgenden Neugründung Sachsen-Anhalts mit 2,9 Millionen Einwohnern.

Wie bereits auf Bundesebene führt der demografische Wandel auch auf Ebene des Landes Sachsen-Anhalt zu einem überproportionalen Anstieg an Hochaltrigen und Pflegefällen, wobei die Dramatik der Entwicklung im Land deutlich größer ist: Von 2008 bis 2025 wird sich die Gruppe der Hochaltrigen um 184% vergrößern. Erwartungsgemäß wird damit auch die Anzahl der zu versorgenden Pflegefälle steigen: Von 81.000 Pflegebedürftigen im Jahr 2009 (von denen 87% bereits älter als 65 Jahre waren) auf rund 110.000 Pflegebedürftige im Jahr 2025 [vgl. MLV 2010, S. 73]. Es ist abzusehen, dass dieser Aufwuchs an Pflegefällen das in Teilen Sachsen-Anhalts bereits heute schon ausgelastete Pflegewesen mit den bestehenden Auszubildenden- und Fachkräftemängeln an seine Leistungsgrenzen bringen wird. Die Suche nach entsprechenden technischen Entlastungslösungen für professionell sowie auch für informell Pflegende ist daher eines der zentralen Themen der SEVIP&V-Innovationsstrategie.

Für Sachsen-Anhalt ist diese Entwicklung zwar einerseits mit zahlreichen Problemen verbunden, birgt aber andererseits auch Zukunftschancen. Zu diesen Problemen gehören neben dem eben erwähnten Druck auf die professionelle Pflege unter anderem der Fachkräftemangel, der Verlust an familiären Versorgungsstrukturen, die weiterhin abnehmende finanzielle Leistungsfähigkeit des Landes sowie die Unterauslastung kritischer Infrastrukturen, die nachfolgend kurz stellvertretend für eine Vielzahl an negativen Folgen des demografischen Wandels betrachtet werden sollen.

Der Fachkräftemangel, der sich in anderen Regionen Deutschlands gegenwärtig erst andeutet, ist in Sachsen-Anhalt bereits deutlich zu spüren: Während im Jahr 2005 noch 5% der Arbeitsplätze mit Fachkräftebedarf nicht zeitnah besetzt werden konnten, waren es im Jahr 2011 bereits 24%. Im gleichen Jahr konnten 23% aller angebotenen Lehrstellen in Sachsen-Anhalt nicht besetzt werden – 2005 waren es noch lediglich 6% [vgl. MLV 2013, S. 49]. Im Gesundheitsbereich ist diese Situation regional stellenweise noch dramatischer. Auch die finanzielle Leistungsfähigkeit des Landes wird durch den Einwohnerschwund von Jahr zu Jahr gemindert – pro verlorenem Einwohner verringern sich die Bundeszuweisungen an den Landeshaushalt um rund 2.400 Euro. Der Bevölkerungsrückgang hat das Land damit seit 1991 bereits 1,2 Milliarden Euro an verlorenen Haushaltsmitteln gekostet [vgl. MLV 2010, S. 16].

Selbst die Infrastruktur leidet unter dem Rückgang: Durch die sinkende Auslastung von Trink- und Abwasserleitungen kommt es zu längeren Durchsatzzeiten, stärkeren Verunreinigungen und schnellerer Wiederverkeimung, so dass häufigere Spülungen erforderlich werden, wodurch sich wiederum die Instandhaltungskosten erheblich erhöhen [vgl. Winkel 2011, S. 52]. Im Landkreis Harz tritt dieses Problem vornehmlich in der besonders kleinteiligen Stadt Oberharz am Brocken auf und ist dort unter anderem Gegenstand eines umwelttechnischen Forschungsprojekts am Fachbereich Automatisierung und Informatik der Hochschule Harz.

Wie bereits erwähnt, ist die Entwicklung gleichzeitig aber auch mit großen Chancen für die Zukunft verbunden, da sie das Land dazu zwingt, sich zu einem Zeitpunkt an den demografischen Wandel anzupassen, zu dem sich bundesweit noch Best Practice-Regionen profilieren können. So setzt sich Sachsen-Anhalt heute nicht nur in stärkerem Maße als die meisten anderen Bundesländer für die Etablierung einer modernen Willkommenskultur, für die verstärkte Gewinnung ausländischer Fachkräfte sowie für die mit enormem Aufwand betriebene Rückholung von Auswanderern ein, sondern öffnet sich auch neuen Formen der medizinischen Versorgung, wie beispielsweise dem prototypischen Einsatz von Praxisassistentinnen und –assistenten in hausärztlich unterversorgten Regionen [vgl. MLV 2013, S. 14] oder auch der Ausstattung mobiler Praxen, wie sie etwa im Landkreis Harz bereits zum Einsatz kommen.

Überhaupt könnte Sachsen-Anhalt zu einem Modellland für Gesundheit und moderne Pflege werden: Seit 1991 wurden hier bereits Mittel des Bundes in Höhe von rund 583 Millionen Euro sowie weitere 148 Millionen Euro des Landes und aus privater Hand in die Modernisierung der Pflegeinfrastruktur investiert [vgl. BMG 2010, S. 131] – und eine Vielzahl von Forschungs- und Entwicklungsprojekten an den zwei Universitäten sowie den fünf Fachhochschulen des Landes konnte in den vergangenen Jahren bereits erheblich zum internationalen Stand der Technik im Bereich der Telepflege beitragen (eine Übersicht bietet [Köhler 2014]). Die in dieser Entwicklung liegenden Chancen manifestieren sich in besonderem Maße im Landkreis Harz bzw. in der Region um die Kreisstadt Halberstadt, die im Fokus der weiteren Blgposts unserer kleinen Artikelserie zur Woche der Demografie liegen soll.

Verwendete Quellen

[BMG 2010] Bundesministerium für Gesundheit (BMG) (2010): Aufbau einer modernen Pflegeinfrastruktur in den neuen Bundesländern. Investitionsprogramm nach Art. 52 Pflege-Versicherungsgesetz. Berlin.

[Dinel 2005] Dienel, Christiane (2005): Vision Sachsen-Anhalt 20-xx. Zukunftsperspektiven für nachhaltiges staatliches Handeln. Hg. v. Friedrich-Ebert-Stiftung. nexus-Institut für Kooperationsmanagement und interdisziplinäre Forschung. Magdeburg.

[Haustein und Mischke 2011] Haustein, Thomas; Mischke, Johanna (2011): Ältere Menschen in Deutschland und der EU. Unter Mitarbeit von Johanna Mischke und Susanne Hagenkort-Rieger. Statistisches Bundesamt. Wiesbaden.

[Hübner et al. 2013] Hübner, Gundula; Hahn, Christiane; Mau, Wilfried; Treichel, Sabine (2013): Technikgestützte Pflege-Assistenzsysteme und rehabilitativ-soziale Integration unter dem starken demografischen Wandel in Sachsen-Anhalt. Abschlussbericht zum Teilprojekt Modul II. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Halle.

[Köhler 2014] Köhler, Benjamin; Maue, Isabell; Pasternack, Peer (2014): Sachsen Anhalt – Forschungslandkarte Demografie. Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg (HoF). Halle-Wittenberg.

[Maretzke 2011] Maretzke, Steffen (2011): Die demografischen Herausforderungen Deutschlands konzentrieren sich auf die ostdeutschen Regionen. Wesentliche Strukturen und Trends der demografischen Entwicklung seit 1990. In: Demografische Spuren des ostdeutschen Transformationsprozesses. 20 Jahre deutsche Einheit. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Bonn, S. 12–27.

[MLV 2010] Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt (2010): Nachhaltige Bevölkerungspolitik in Sachsen-Anhalt. Magdeburg.

[MLV 2013] Stabsstelle für demografische Entwicklung und Prognosen des Ministeriums für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt (2013): Den demografischen Wandel gestalten. Berichterstattung an den Landtag von Sachsen-Anhalt. Magdeburg.

[Scholz 2011] Scholz, Rembrandt (2011): Die Lebenserwartung – eine Erfolgsgeschichte der demografischen Entwicklung in den Neuen Ländern. In: Demografische Spuren des ostdeutschen Transformationsprozesses. 20 Jahre deutsche Einheit. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Bonn, S. 28–38.

[Winkel 2011] Winkel, Rainer (2011): Die Wirkungen der demografischen Veränderungen im ostdeutschen Transformationsprozess auf die Daseinsvorsorge. In: Demografische Spuren des ostdeutschen Transformations- prozesses. 20 Jahre deutsche Einheit. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Bonn, S. 51–55.

Kommentar (1)

  1. Pingback: Der doppelte demografische Druck auf die Pflege – weniger Pflegekräfte für mehr Pflegefälle? – Frischer Wind

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>