Ein überzeugendes Beispiel für den Wert biografieorientierter Pflege

In meinen Gesprächen mit Pflegekräften und Pflegeplanern im Rahmen der diversen Demografie- und AAL-Projekte, die ich an der Hochschule Harz bislang begleiten durfte und darf, spielt der Wunsch nach einer stärkeren Berücksichtigung der Prinzipien der biografieorientierten Pflege eine spürbar zunehmende Rolle. Dabei ist auch ein Abrücken von der Vorstellung erkennbar, biografieorientierte Pflege primär als Ansatz für die Demenzpflege zu betrachten. Natürlich trifft es zu, dass gerade viele demenzkranke Menschen stärker in der Vergangenheit als in der Gegenwart verhaftet sind, und die Bezugnahme auf biografische Aspekte (wie etwa die Arbeit mit Familienfotos) Pflegekräften sehr dabei helfen kann, einen persönlichen Zugang zu den Betreuten zu schaffen. Auch nicht-demenzkranke Pflegefälle profitieren jedoch enorm davon, wenn Pflegeleistungen nicht mehr nach einem unflexiblen Schema erbracht werden, sondern Rücksicht auf individuelle Erfahrungen, Wünsche und Bedürfnisse genommen werden kann.

So fällt es etwa einer Person, die ihr ganzes Leben lang selbständig gearbeitet hat, natürlich ganz besonders schwer, Eigenständigkeit und Verantwortung an Pflegekräfte abzugeben – und während ein Familienmensch sich vor Einsamkeit im Alter fürchten mag, und sich deshalb sehr gerne ein Pflegezimmer mit anderen teilt, kann genau diese Gesellschaft von einem anderen Pflegefall, der bereits die letzten Jahrzehnte für sich allein gelebt hat, geradezu als eine Strafe und erhebliche Einschränkung der persönlichen Lebensqualität empfunden werden.

Abseits dieser gängigen Beispiele für biografieorientierte Pflege, hatte ich vor einigen Wochen beim 14. Schnittstellenseminar des Berliner Projekts zum Thema “Umgang mit chronischen Wunden in der stationären Altenpflege” – zu dem ich einen Vortrag zu den Rahmenbedingungen für digitale Wunddokumentation beisteuern durfte – die Chance, einem Vortrag von Heike Senge beizuwohnen, die die Pflegeakademie Niederrhein leitet. In ihrem Vortrag berichtete Frau Senge von einem äußerst bedrückenden Fall aus einer von ihr beratenen Einrichtung: Ein älterer Herr, der bereits seit Jahrzehnten unter einer vermeintlich längst austherapierten Inkontinenz litt, und deshalb im Leben auf Familiengründung und Karriere verzichtet und zurückgezogen vor sich hin gelebt hatte, kam in eben diese Einrichtung, in der ihm innerhalb weniger Wochen die Inkontinenz weitgehend abtrainiert wurde. Das eigentlich positive Ergebnis professioneller Pflege stürzte den Mann jedoch in schwere Depressionen, resultierend aus dem Eindruck, zeitlebens sinnlos persönlichen Verzicht geübt und aus unnötiger Scham Distanz zu anderen gewahrt zu haben.

Die Anekdote unterstreicht, dass biografieorientierte Pflege sich nicht nur auf allgemeine Arrangements und den persönlichen Umgang miteinander beschränken muss – vielmehr können sogar medizinisch sinnvolle Maßnahmen vor dem Hintergrund biografischer Kenntnisse kritisch hinterfragt werden. Inwiefern technische Assistenzsysteme einen derartigen Pflegeansatz unterstützen können, wird sicher noch Gegenstand anstehender Sitzungen der Arbeitsgruppe Technik werden – es dürfte jedoch feststehen, dass die gerade für die biografieorientierte Pflege unerlässlichen zwischenmenschlichen Qualitäten durch Technik höchstens ergänzt, nicht aber ersetzt werden können.

Der Foliensatz meines Vortrags über die Chancen der digitalen Wunddokumentation beim 14. Schnittstellenseminar.

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